Das trübe Grau der Häuserfassaden aus der Zeit des Kalten Krieges ist inzwischen bunter Lebensfreude gewichen. Im Vergleich zu westeuropäischen Schwulenzenen fristet die ungarische Hauptstadt allerdings auch 20 Jahre nach der Wende ein immer noch recht bescheidenes Dasein. Langweilig wird es in Budapest aber trotzdem nicht ...
Die Ankunft am Budapester Flughafen verläuft überraschend angenehm. Waren es im Rheinland bei Nieselregen noch unangenehme 18 Grad, präsentiert sich die ungarische Hauptstadt im August standesgemäß: brütend warme 34 Grad. Und auch die Weiterfahrt in die nur 20 Autominuten entfernte City ist kinderleicht. Ein Taxi-Guide fragt englischsprachig nach dem gewünschten Reiseziel, in Nullkommanix erhält man einen Coupon, den man anschließend einem schon wartenden Taxifahrer überreicht. Flughafen-Taxen-Abzocke à la Prag ist da ausgeschlossen. Die Fahrt mit dem Taxi lohnt schon ab zwei Personen. Wer allein reist, ist finanziell besser mit dem Airport-Minibus bedient. Dieser fährt gemeinsam mit anderen Gästen vom Flughafen zur gewünschten Adresse in Budapest – und natürlich auch auf Wunsch zurück. Sparfüchse dagegen steigen in den Bus 200, der bis zur Endstation der Metrolinie 3 fährt (Kobanya-Kispest), von dort geht es innerhalb von 20 Minuten mitten in die Stadt. Dauert aber auch alles in allem rund 60 Minuten ...
Erkundungstour mit Überraschungen
Für den schwulen Besucher hält Budapest einige Überraschungen parat. Zwar kann die rund zwei Millionen Einwohner zählende ungarische Hauptstadt in Sachen Schwulenszene längst noch nicht mit anderen westeuropäischen Städten dieser Größe mithalten, dennoch herrscht hier alles andere als tote Hose. „Ungarn ist katholisch, natürlich nicht so sehr wie Polen, aber weitaus mehr als Tschechien. Es gab auch immer eine schwule Szene in Budapest, auch in den 50er, 60er und 70er-Jahren, als das Land noch unter der Fittiche der Kommunisten stand. Man muss aber auch bedenken, dass Ungarn nur zehn Millionen Einwohner hat. Das ist natürlich schon ein bisschen provinziell. Aber gegen Bangkok ist ja auch Berlin provinziell“, erläutert Jean Jacques Soukup mit einem Schmunzeln. Jean vermietet gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Czaba zu günstigen Konditionen zwei einfache Apartments am zentralen Kristof Square - überwiegend an Schwule. Nicht nur das: am Wochenende bieten die geschäftstüchtigen Jungunternehmer über ihre Webseite http://budapest.gayguide.net Sightseeing-Touren durch die City an. Ob traditioneller Stadtrundgang am Samstag oder unkonventionelles Szene-Bar-Hopping am Freitag: für jeden dürfte etwas dabei sein. Vor allem aber geht man im Szenedschungel nicht verloren. Denn anders als in vielen Großstädten Westeuropas gibt es in Budapest kein schwules Szeneviertel. Die meisten Bars, Restaurants und Clubs sind auf den 5., 6., 7. und 9. Distrikt verteilt. Wer gut zu Fuß ist, benötigt kein Auto, das U- und Straßenbahnnetz verbindet die zentralen Plätze und Straßen ganz hervorragend.
Invasion schwuler Touristen in der Szene
Hat man ein Gay-Lokal erfolgreich aufgespürt, empfiehlt sich das Budapester Gay-Magazin „Na Végre“ zur weiteren Orientierung. Das monatliche Info-Blättchen im Mini-Format, recht kommerziell aufgezogen, listet - teilweise auch in englischer Sprache - sämtliche schwule Etablissements der Stadt übersichtlich auf. Nicht ganz ohne Grund: in der Schwulenszene tummeln sich zeitweilig mehr Touristen als Einheimische. In der Mutter aller Budapester Schwulenbars, der Cruising-Bar „Action“ beispielsweise, vernimmt man am Wochenende mehr Konservationen auf Englisch als auf Ungarisch. Leider haben sich die Getränkepreise dem internationalen Niveau allmählich angepasst, weshalb sich viele Einheimische die für ungarische Verhältnisse relativ teuren Schwulenbars und –clubs nicht leisten können. Roland, Geschäftsführer des schwul angehauchten Café-Restaurants „Eklektika“ bedauert diese Entwicklung: „Wenn du in Budapest in eine Hetero-Bar gehst, zahlst du für das Bier rund 400 Forint (1,60 Euro), gehst du zwei Häuser weiter in eine Schwulenbar, bist du gut und gerne mit 600 Forint (2,40 Euro) dabei“, erklärt er. Der guten Stimmung in den Clubs tut dies am Wochenende aber keinen Abbruch. Die Diskotheken „Bamboo“ und „Alterego“ sind dann zum Bersten voll mit recht jungem Gays und deren besten Freundinnen ...
Abenteuerlustige Erotikfans können dagegen guten Gewissens einen Abstecher in die bei vielen (ungeouteten) Gays populären öffentlichen Bäder „Gellert Barth“ und „Kiraly Bath“ machen. Das „Kiraly Bath“, 1565 erbaut und ganz in der Tradition eines türkischen Badehauses, ist bei Schwulen besonders an den Männertagen Dienstag, Donnerstag und Samstag beliebt. Wem das zu heikel ist, macht sich auf in die „Magnum-Sauna“. Die hat zwar bis heute noch nicht so ganz ihren Charme der Wendezeit abgelegt, ist aber am Wochenende gerammelt voll mit kontaktfreudigen Kerlen ...

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